Letters to the president

by

Im Rahmen der Tage des unabhängigen Films 2009 in Augsburg zeigte das Thalia Petr Loms „letters to the president“.

Lom begleitet Ahmadinejad auf dessen Reisen und zeigt wie dieser sich als Mann der kleinen Leute präsentiert, Hände schüttelt, Versprechen gibt und Briefe sammelt. 10 Millionen sollen es sein, für deren Beantwortung der Präsident eine eigene Behörde eingerichtet hat, indem die zukünftige Elite des Landes sich der Sorgen der kleinen Leute annimmt und die Briefe beantwortet. Die Aufnahmen von Ahmadinejads Reisen werden ergänzt durch Interviews mit Iranern. Während sich die Landbevölkerung als treue Anhängerschaft des Präsidenten präsentiert, die allenfalls kritisiert, dass viel geredet, aber nichts getan werde, trifft Lom in Teheran auf junge Iraner, die offen in die Kamera sagen, dass sie sich wünschen dass Achmadinejad verschwindet.

Man könnte „letters to the president” aufklärerische Momente unterstellen. Etwa wenn Achmadinejad in einem Dorf in der Provinz, das noch nicht einmal fließendes Wasser hat, mit dem Sprechchor „Tod den USA, Tod Israel, wir haben ein Recht auf Kernenergie“ begrüßt wird. Um aber tatsächlich aufzuklären, hätte Lom sein Material kontextualisieren müssen, er hätte erklären müssen, was die Bilder selbst nicht sagen. Der Filmwissenschafter Tobias Ebrecht kritisiert: „Die besondere synthetisierende Funktion, die Antisemitismus und Atomprogramm für den Erhalt des Regimes erfüllen sollen, wird nur dem bewusst, der bereits vorher einen kritischen Begriff von der islamischen Revolution im Iran hatte“ .

Lom, der bei der Aufführung seines Filmes in Augsburg anwesend war, wurde gefragt, warum er denn nicht erkläre, sondern nur unkommentiertes Material verwende. Er antwortete mit dem Verweis auf die Mündigkeit des Publikums und meinte, dass er Dogmatismus ablehne und keine Antworten präsentieren wolle. Die Entscheidung wie das Gesehene zu beurteilen sei, will er dem Publikum überlassen. Spätestens hier wird klar, dass Lom mit Kritik nicht zu treffen ist. Anstatt durch die künstlerische Bearbeitung (Schnitt, Montage, Musik etc.), Achmadinejads Politik und das Wesen der Islamischen Republik kenntlich zu machen bescheinigt Lom dem dokumentarischen Material, dass es als solches, also ohne Zutun des Regisseurs, den Gegenstande erhellt. Die Entscheidung die Lom nicht präsentieren möchte und die das Publikum selbst treffe soll, wird aber durch Form und Inhalt des Film verunmöglicht. Lom selbst hat das Material gesichtet und entsprechend ausgewählt und geschnitten. Er lenkt den Blick des Rezipienten also bewusst auf Themen und Sachverhalte und blendet andere aus. Wie beliebig Lom selbst mit seinem Material und seinen Schwerpunkten umgeht, tat er in Augsburg kund. Er erklärte, dass er Vertretern des Regimes, denen die kritischen Stimmen des Films zu kritisch waren angeboten hat, diese komplett herauszuschneiden, wenn diese ihm dafür noch einmal eine Drehgenehmigung erteilen würden. Es muss also nicht verwundern, dass durch die Auswahl und Montage des Materials und weil Lom auf jegliche Ideologiekritik und Reflexion auf die Filmproduktion in der islamischen Republik verzichtet, der Iran so dargestellt wird, dass sich jeder dazu denken kann was er möchte. Der Iran erscheint als pluralistische Gesellschaft, in der eben manche Angst haben in die Kamera zu sprechen, andere wiederum nicht. Manche tragen das Kopftuch eng, andere nicht. Schmuck zu tragen ist auch Männern verboten, aber nicht jeder hält sich an die Vorgaben und die Autoritäten sehen auch einmal weg. Dass Lom, wie er erzählt, mehr Zeit damit verbrachte Drehgenehmigungen zu bekommen, als tatsächlich zu drehen, dass drei von vier Leuten, die er um Statements bat, aus Angst vor Repression diese verweigert haben, reflektiert „letters to the president“ nicht.

Verständlich ist daher, dass im Vorfeld der Berlinale der Club iranischer und europäischer Filmemacher (CIEF) den Rücktritt des Intendanten der Berlinale gefordert, weil die Berlinale „im Namen des ‚kulturellen Dialogs’ einen Propagandafilm über den iranischen Präsidenten und Holocaustleugner Ahmadinejad“ zeige.

Advertisements

Eine Antwort to “Letters to the president”

  1. freedom_fighter Says:

    vgl. http://antifahorgau.blogsport.de/2009/05/12/letters-to-the-president/
    Ich denke, dass dieser Artikel eine durchaus sinnvolle Ergänzung darstellt.

    vgl. auch http://www.cicero.de/97.php?item=3496

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: